Am Abend nach einem Tag auf dem Berg ist die Unterlippe geschwollen, gespannt und brennt beim Trinken. Am nächsten Morgen ist sie rau, am übernächsten schuppt sie. Und in der Regel bekommt genau dieser Verlauf keine Erklärung, sondern einen Pflegestift.
Dabei ist die Erklärung geometrisch und ziemlich eindeutig. Die Unterlippe liegt leicht nach vorn und unten geneigt. Auf einem Schneefeld trifft sie damit die direkte Strahlung von oben und einen erheblichen Anteil, der vom Schnee zurückgeworfen wird. Sie ist die am stärksten exponierte Stelle des Gesichts an einem Wintertag im Gebirge, und die, die am seltensten geschützt wird.
Warum diese Haut anders ist
Das Lippenrot ist kein normaler Hautbereich. Es ist eine Übergangszone zwischen der äußeren Haut und der Schleimhaut des Mundinneren, und es unterscheidet sich in drei Punkten grundlegend.
Die Hornschicht ist sehr dünn. Deutlich dünner als an Wange oder Stirn. Deshalb schimmern die darunterliegenden Blutgefäße durch. Das ist der Grund für die rote Farbe. Und deshalb ist der Schutz nach außen entsprechend gering.
Es gibt keine Talgdrüsen. Das ist der zentrale Punkt. Überall sonst auf der Haut liegt ein hauteigener Lipidfilm, der Verdunstung bremst. Am Lippenrot fehlt er vollständig. Die Lippe kann sich nicht selbst einfetten. Sie ist auf Zuführung von außen angewiesen, immer.
Es enthält kaum Melanin. Melanin ist der körpereigene Schutz vor UV-Strahlung, und im Lippenrot ist praktisch keines vorhanden. Die Lippe kann sich also nicht anpassen: Sie wird nicht braun, sie bekommt keinen Eigenschutz, sie hat bei der zehnten Bergtour genau denselben Schutz wie bei der ersten, nämlich keinen.
Diese drei Eigenschaften zusammen erklären alles Weitere.
Speichel: der Verstärker, den man selbst herstellt
Der Reflex, trockene Lippen zu befeuchten, ist verständlich und macht es schlimmer. Gleich doppelt.
Erstens verdunstet der aufgetragene Speichel und die Verdunstung entzieht zusätzlich Wärme und Wasser aus der oberflächlichen Schicht. Zurück bleibt eine trockenere Lippe als vorher.
Zweitens enthält Speichel Verdauungsenzyme, unter anderem Amylase. Auf Schleimhaut ist das unproblematisch, auf der dünnen Hornschicht der Lippe wirkt es über Stunden reizend.
Das Ergebnis ist ein Kreislauf: trocken, befeuchten, trockener, häufiger befeuchten. In ausgeprägter Form entsteht daraus eine Cheilitis simplex: eine gereizte, gerötete, schuppende Lippenentzündung, die sich hartnäckig hält und bei der die Ursache ausgerechnet die Gegenmaßnahme ist.
Was hilft, ist etwas anderes: ein okklusiver Balsam, dick aufgetragen, bevor der Impuls kommt.
UV-Schutz, der einen Bergtag übersteht
Ein Pflegestift ohne Filter schützt nicht. Er macht die Lippe geschmeidig und lässt die Strahlung durch.
Was es braucht, ist ein Stift mit UV-Filter, wachsbasiert, und zwar in einer Anwendungshäufigkeit, die den Bedingungen entspricht. Denn die Lippe ist die Stelle mit dem höchsten Abtrag am ganzen Körper: Essen, Trinken, Reden, Wischen mit dem Halstuch, Ablecken. Ein einmal morgens aufgetragener Schutz ist mittags nicht mehr vorhanden.
Für einen Tag im Schnee heißt das: alle paar Stunden, nach jedem Essen und nach jedem Trinken. Der Stift gehört deshalb in die Jackentasche und nicht in den Rucksack. Der Unterschied entscheidet darüber, ob er benutzt wird.
Ein zweiter Punkt: Matte Lippenstifte entziehen zusätzlich. Die Mattierung entsteht durch absorbierende Partikel, die Feuchtigkeit binden. An einem Wintertag in trockener Höhenluft ist das die ungünstigste denkbare Formulierung. Wenn Farbe, dann cremig und darunter oder darüber ein Balsam.
Was in einem guten Balsam steckt
Okklusiva sind das Rückgrat: Wachse, Butter, und in der klassischen Form Petrolatum. Sie bilden einen Film, der die Verdunstung bremst, sie ersetzen also genau das, was die Lippe ohne Talgdrüsen nicht selbst herstellt. Petrolatum wird gelegentlich kritisiert; fachlich ist es für diesen Zweck eines der wirksamsten und reizärmsten Materialien, die es gibt, und in kosmetischer Qualität hoch gereinigt.
Feuchthaltefaktoren wie Glycerin oder Hyaluronsäure binden Wasser. Allein reichen sie an der Lippe nicht: Ohne eine okklusive Schicht darüber geben sie das gebundene Wasser bei trockener Luft wieder ab, und können der Lippe dann sogar Feuchtigkeit entziehen. Sie gehören unter die Okklusion, nicht statt ihrer.
Was oft stört: Duftstoffe und Aromen, Menthol, Campher, Pfefferminzöl, Zimtaromen. Sie erzeugen das kühlende oder prickelnde Gefühl, das viele mit Wirkung verwechseln, und gehören zu den häufigeren Auslösern von Kontaktreaktionen an der Lippe. Wer wiederholt trockene, gereizte Lippen hat und dagegen einen stark aromatisierten Stift verwendet, sollte genau diesen einmal weglassen.
Peeling: fast immer zu viel
Die schuppende Lippe verführt zum mechanischen Peeling: Zucker, Bürste, Waschlappen. Bei einer Hornschicht dieser Dicke ist das eine erhebliche Belastung, und es entfernt genau die wenigen intakten Lagen mit.
Der bessere Weg ist Aufweichen: dick Balsam auftragen, einwirken lassen, danach sehr sanft mit dem Finger abnehmen, was sich von selbst löst. Was sich nicht löst, bleibt.
Was in keinem Fall geht: an Schuppen ziehen oder abbeißen. Daraus entstehen Einrisse, die schlecht heilen, weil die Lippe ständig in Bewegung ist.
Die Nacht ist das beste Zeitfenster
Über Nacht wird nicht gegessen, nicht getrunken, nicht abgewischt und nicht geleckt. Eine dicke Schicht eines okklusiven Balsams vor dem Schlafen ist deshalb wirksamer als jede Anwendung tagsüber. Besonders in der Heizperiode, wenn die Raumluft sehr trocken ist.
Hinweis Anhaltende Rauigkeit, hartnäckige Schuppung, Krustenbildung oder eine Veränderung, die nur eine Stelle der Lippe betrifft und nicht abheilt, können Zeichen einer aktinischen Cheilitis oder einer anderen behandlungsbedürftigen Veränderung sein, besonders an der Unterlippe und besonders bei viel Aufenthalt im Freien. Lassen Sie das dermatologisch abklären, statt es weiter mit Pflege zu behandeln. Auch wiederkehrende Einrisse an den Mundwinkeln gehören ärztlich beurteilt.
Häufige Fragen
Machen Pflegestifte abhängig? Nicht im pharmakologischen Sinn. Was es gibt, ist ein Kreislauf: Ein Stift mit reizenden Aromen oder ohne okklusiven Anteil hält nicht, die Lippe trocknet schneller aus, man greift öfter danach. Wechseln Sie auf ein reizarmes, okklusives Produkt, der gefühlte Bedarf sinkt dann meist deutlich.
Reicht der Lichtschutz aus meiner Gesichtscreme für die Lippen? Nein. Die Lippe wischt und leckt permanent ab, und die meisten Gesichtsformulierungen sind für den Kontakt mit der Mundschleimhaut nicht gedacht. Ein eigener Stift mit Filter ist die richtige Lösung.
Warum sind meine Lippen im Winter schlimmer als im Sommer? Weil mehrere Faktoren zusammenkommen: sehr trockene Innenraumluft, kalter Wind draußen, weniger Trinken, und bei Bergtagen zusätzlich reflektierte UV-Strahlung. Der Winter ist für die Lippe die härtere Jahreszeit, nicht der Sommer.



