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Nachhaltigkeit · Maxvorstadt

Clean Beauty: ein Begriff, den niemand definiert hat

Zwischen Maximilianstraße und den Concept Stores der Maxvorstadt stehen die Regale dicht. Je teurer das Regal, desto sicherer klingt das Versprechen.

Ein umgedrehter Glastiegel mit eng bedrucktem Etikett steht im Gegenlicht, die Schrift ist unscharf und unlesbar
KI-generiertes Bild

Ein Regal in einem Concept Store zwischen Türkenstraße und Museumsviertel. Weiße Verpackungen, viel Leerraum, serifenlose Schrift. Auf drei von vier Produkten steht ein Wort, das nach Prüfung klingt: clean. Zweihundert Meter weiter, in einer Auslage an der Maximilianstraße, dasselbe Wort in Gold auf schwerem Glas.

München hat in Deutschland eine der dichtesten Konzentrationen dieses Segments. Luxuseinzelhandel und Naturkosmetik-Frühadoption liegen hier auf engem Raum nebeneinander. Und mit der Dichte wächst ein Missverständnis: Je hochwertiger die Umgebung, desto eher hält man das Wort für eine geprüfte Auszeichnung.

Es ist keine.

Der Begriff ist nicht geschützt

Es gibt keine gesetzliche Definition von „Clean Beauty“. Es gibt keine Behörde, die ihn vergibt, keine Prüfstelle, die ihn kontrolliert, und keine verbindliche Liste dessen, was drin sein darf und was nicht.

Was es gibt, sind Definitionen von Marken und Händlern, jede für sich, jede anders. Ein Konzern schließt bestimmte Konservierungsstoffe aus, ein Händler zusätzlich Silikone, eine dritte Marke definiert es über die Herkunft der Rohstoffe. Die Listen überschneiden sich teilweise und widersprechen sich teilweise.

Das ist kein Skandal. Es ist nur etwas anderes, als die meisten annehmen: eine Marketingpositionierung, kein Qualitätsnachweis.

Was tatsächlich reguliert ist und zwar für alles

Der interessante Teil ist, dass es sehr wohl einen strengen Rahmen gibt. Er gilt nur eben nicht für „clean“, sondern für jedes Kosmetikprodukt, das in der EU verkauft wird.

Die europäische Kosmetikverordnung regelt unter anderem:

  • Verbotslisten für Stoffe, die in kosmetischen Mitteln nicht verwendet werden dürfen
  • Positivlisten mit Höchstmengen für Konservierungsstoffe, UV-Filter und Farbstoffe. Hier ist nur erlaubt, was ausdrücklich aufgeführt ist
  • eine Sicherheitsbewertung durch eine qualifizierte Person, die vorliegen muss, bevor ein Produkt auf den Markt kommt
  • eine Produktinformationsdatei, die für Behörden zugänglich sein muss
  • die Registrierung im europäischen Meldeportal
  • die vollständige Deklaration der Bestandteile nach einem einheitlichen System

Ein Produkt ohne jedes Versprechen aus dem Drogerieregal durchläuft denselben Rahmen wie eines mit einem Clean-Label. Das ist die zentrale Information, die in der Debatte fast immer fehlt.

Die INCI-Liste lesen

INCI steht für die international einheitliche Nomenklatur kosmetischer Inhaltsstoffe. Sie ist der einzige Teil der Verpackung, der nicht vom Marketing formuliert wurde, und deshalb der einzige, der Auskunft gibt.

Vier Leseregeln reichen für den Alltag:

Erstens: Die Reihenfolge ist absteigend nach Anteil, aber nur bis etwa ein Prozent. Alles, was in geringerer Konzentration enthalten ist, darf in beliebiger Reihenfolge stehen. Genau dort sitzen viele Wirkstoffe. Ein Stoff weit hinten kann also ein hoch dosierter Wirkstoff sein oder eine Spur, die es aufs Etikett schaffen sollte, die Liste allein sagt es nicht.

Zweitens: Wasser steht meistens vorn, als Aqua. Das ist normal und kein Mangel.

Drittens: Duftstoffe erscheinen als Parfum. Zusätzlich müssen bestimmte deklarationspflichtige Duftstoffe einzeln genannt werden. Sie stehen typischerweise am Ende der Liste, mit Namen wie Limonene, Linalool, Citral oder Geraniol. Wer empfindlich reagiert, findet hier die relevanteste Information des ganzen Etiketts.

Viertens: Farbstoffe stehen als CI-Nummern, meist ganz am Schluss, teils in Klammern für mehrere Farbvarianten.

Warum „frei von“ ein schwaches Argument ist

Die Werbung mit dem Weglassen ist die verbreitetste Form dieses Segments und fachlich die problematischste.

Ein Ersatz ist nicht automatisch besser. Wird ein gut untersuchter, regulierter Konservierungsstoff durch einen weniger bekannten ersetzt, bedeutet das keinen Gewinn an Sicherheit. Es bedeutet nur, dass ein anderer Stoff drin ist, über den in der Regel weniger Daten vorliegen.

Unkonserviert ist ein Risiko, kein Vorteil. Jedes wasserhaltige Produkt ist ein potenzieller Nährboden für Keime. Ein Tiegel, in den täglich Finger greifen, ist es besonders. Konservierung ist deshalb kein Zugeständnis an die Industrie, sondern der Grund, warum Kosmetik über Monate sicher benutzbar ist. Wer sie weglässt, braucht einen Ersatz, technisch etwa Airless-Systeme, wasserfreie Formulierungen oder deutlich kürzere Haltbarkeiten.

Natürlich heißt nicht verträglich. Das ist der Punkt, an dem die Intuition am weitesten danebenliegt. Ätherische Öle gehören zu den häufigsten Auslösern von Kontaktallergien in der Kosmetik überhaupt. Ein Produkt mit einer langen Liste botanischer Extrakte kann für empfindliche Haut deutlich problematischer sein als ein duftstofffreies, reduziertes Produkt aus synthetischen Rohstoffen.

„Chemiefrei“ gibt es nicht. Wasser ist eine chemische Verbindung. Jeder Pflanzenextrakt besteht aus hunderten davon. Der Gegensatz zwischen „natürlich“ und „chemisch“ ist keine fachliche Kategorie, sondern eine sprachliche.

Was Sie stattdessen prüfen können

Statt nach einem Wort auf der Vorderseite zu suchen, lohnen fünf konkrete Fragen:

  1. Ist die Liste kurz und nachvollziehbar? Nicht weil kurz besser wäre, sondern weil man bei zwölf Bestandteilen im Fall einer Reaktion herausfinden kann, welcher es war. Bei sechzig nicht.
  2. Sind Duftstoffe drin? Für empfindliche oder gereizte Haut ist das die wichtigste einzelne Entscheidung, wichtiger als jede Positionierung.
  3. Schützt die Verpackung? Licht und Luft bauen viele Wirkstoffe ab. Undurchsichtige Behälter, Airless-Spender und Tuben sind funktional besser als der offene Tiegel im Glas.
  4. Ist die Auslobung realistisch? Kosmetik darf pflegen und das Aussehen beeinflussen. Wer Heilung verspricht, verspricht etwas, das für Kosmetik nicht zulässig ist.
  5. Steht die Konzentration dabei, wenn ein Wirkstoff beworben wird? Ein Wirkstoff im Produktnamen ohne jede Mengenangabe und weit hinten in der INCI ist vor allem eine Namensgebung.

Der ehrliche Schluss

Es gibt gute Produkte in diesem Segment, und viele davon sind sorgfältig formuliert. Der Punkt ist nicht, dass Clean Beauty schlecht wäre. Der Punkt ist, dass das Wort selbst keine Information transportiert, und dass die Information, die man tatsächlich braucht, auf der Rückseite steht, in sehr kleiner Schrift und in einer Sprache, die man in zwanzig Minuten lernen kann.

Hinweis Wiederkehrende Rötungen, Juckreiz, Bläschen oder Schwellungen nach der Anwendung kosmetischer Produkte können auf eine Kontaktallergie hindeuten, auch bei rein pflanzlichen Formulierungen. Bewahren Sie die Verpackung mit der Inhaltsstoffliste auf und lassen Sie den Verdacht dermatologisch oder allergologisch abklären, statt weitere Produkte auszuprobieren.

Häufige Fragen

Sind Naturkosmetik-Siegel aussagekräftiger als ein Clean-Label? Sie sind zumindest definierter: Zertifizierungen haben veröffentlichte Kriterien und eine überprüfende Stelle. Was sie regeln, ist allerdings die Herkunft und Zusammensetzung der Rohstoffe, nicht automatisch die Verträglichkeit für Ihre Haut.

Woran erkenne ich, ob ein Produkt konserviert ist? An der INCI. Namen wie Phenoxyethanol, Benzyl Alcohol, Sodium Benzoate oder Potassium Sorbate weisen darauf hin. Fehlt jeder Hinweis und ist Wasser enthalten, sollte das Produkt entweder ein geschlossenes System haben oder eine sehr kurze Haltbarkeit angeben.

Bedeutet ein hoher Preis eine bessere Formulierung? Nicht verlässlich. Was ein hoher Preis oft mitbezahlt, sind Verpackung, Vertriebsweg und Markenposition. Die formulatorische Qualität lässt sich daran nicht ablesen, an der INCI und an der Verpackungsart schon eher.